Sexarbeit in den Wahlprogrammen
Überprüfung anhand der aktuellen Berliner Wahlprogramme zur Abgeordnetenhauswahl am 20.09.2026.
Dabei ist ein wichtiges Ergebnis: mehrere Parteien behandeln Sexarbeit im Landeswahlprogramm gar nicht oder nur indirekt. Das ist nicht gleichbedeutend mit einer eindeutigen politischen Gegenposition.
Ergebnisübersicht
| Partei | Aussage im Berliner Wahlprogramm 2026 | Einordnung | ||
| AfD |
Im durchsuchten Landeswahlprogramm findet sich keine ausdrückliche Aussage zu Sexarbeit, Prostitution, Straßenprostitution oder Bordellen. |
Aus dem aktuellen Berliner Programm lässt sich kein Sexkaufverbot ableiten. Frühere Berliner Programme forderten noch ein Verbot der Straßenprostitution, das steht so nicht im aktuellen Programm. |
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| Grüne |
Fordern ausdrücklich: „Schutz und Rechte für Sexarbeiter*innen sichern“. Sie wollen Sexarbeitende schützen, entkriminalisieren und entstigmatisieren, Ergebnisse des Runden Tisches Sexarbeit umsetzen, Fachberatungsstellen um psychologische Beratung ergänzen sowie im Kurfürstenkiez sichere und hygienische Arbeitsorte, bessere Gesundheitsversorgung und Rechtsberatung schaffen. Außerdem sollen Verletzungen von Persönlichkeitsrechten durch Freier strafrechtlich verfolgt werden. |
Klarer Ansatz: |
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| BSW |
Im 66-seitigen Berliner Programm erscheint „Prostitution“ nur in einer Aufzählung gesellschaftlicher Folgen von Drogensucht, zusammen mit Menschenhandel, „Babystrich“, und Beschaffungskriminalität. Eine konkrete Sexarbeits- oder Prostitutionspolitische Forderung enthält das Programm nicht. |
Keine belastbare programmatische Aussage zu legaler, freiwilliger Sexarbeit oder zum Nordischen Modell im Berliner Programm. |
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| CDU |
Fordert ein stadtweites Verbot der Straßenprostitution. Genannt werden zuerst der Kurfürstenkiez und das Umfeld des Nollendorfplatzes. Zudem lehnt sie die öffentliche Finanzierung von Verrichtungsboxen oder vergleichbarer Infrastruktur ab. Zugleich will sie Ausstiegsprogramme sowie soziale und gesundheitliche Hilfen für Prostituierte fortführen und ausbauen. Männliche Prostitution solle berücksichtigt werden. |
Kein ausdrücklich im Berliner Wahlprogramm formuliertes allgemeines Sexkaufverbot, aber eine klare Verbots- und Verdrängungslinie gegenüber Straßenprostitution, kombiniert mit Ausstiegshilfen. |
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| Die Linke |
Im Berliner Landeswahlprogramm ließ sich keine spezifische Passage zu Sexarbeit verifizieren. Für den Bezirk Mitte fordert Die Linke allerdings ausdrücklich Unterstützung für Sexarbeiter*innen und spezielle Angebote für weibliche Drogenkonsumierende. In der aktuellen Debatte kritisierte die Berliner Linke das CDU-Modell als Verdrängung. Sie fordert Hilfen und Ausstiegsperspektiven statt Polizei- bzw. Strafrecht als Hauptinstrument. |
Auf Landesebene steht im Programm keine detailierte Forderung. Die erkennbare Berliner Linie ist Unterstützung statt Verdrängung/Strafrecht. |
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| FDP |
Im aktuellen Berliner Wahlprogramm fand sich keine ausdrückliche Passage zu Sexarbeit oder Prostitution. |
Für die Landeswahl kann daraus keine präzise Forderung abgeleitet werden. Bundespolitisch lehnt die FDP jedoch das Nordische Modell ab, setzt sich für Rechte selbstbestimmter Sexarbeitende ein und will Zwangs- und Armutsprostitution sowie Menschenhandel gezielt bekämpfen. |
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| SPD |
Im aktuellen Berliner Wahlprogramm wird nur Zwangsprostitution im Zusammenhang mit organisierter Kriminalität erwähnt. Eine Aussage zu freiwilliger legaler Sexarbeit enthält es nicht. Die Berliner SPD hat aber einen geltenden Parteitagsbeschluss, sie lehnt Re-Kriminalisierung, Sexkaufverbot und Nordisches Modell ausdrücklich ab und fordert eine menschenrechtsbasierte Regelung, Opferschutz, niedrigschwellige Beratung, vielseitige Ausstiegsangebote, adäquate Gesundheitsversorgung und Antidiskriminierung. |
Das Wahlprogramm selbst bleibt vage. Die beschlossene Berliner SPD-Linie ist jedoch klar gegen ein Sexkaufverbot und für bessere Rahmenbedingungen legaler Sexarbeit. |
Was folgt daraus?
Eindeutige Aussagen im aktuellen Berliner Wahlprogramm:
- Grüne: Schutz, Entkriminalisierung und Entstigmatisierung, sichere Arbeitsorte und bessere Versorgung.
- CDU: Verbot der Straßenprostitution in ganz Berlin plus Ausstiegshilfen.
Im Programm nicht oder kaum konkret behandelt:
- AfD, BSW, FDP, SPD und Die Linke äußern sich im aktuellen Berliner Landeswahlprogramm nicht substanziell zur freiwilligen/legalen Sexarbeit. Bei der SPD gibt es allerdings einen klaren ergänzenden Parteitagsbeschluss. Bei der FDP und Linken lassen sich über allgemeinere bzw. andere Ebenen politische Tendenzen erkennen.
Zum Sexkaufverbot / Nordischen Modell
- SPD Berlin: ausdrücklich dagegen
- FDP: auf Bundesebene ausdrücklich dagegen
- Grüne Berlin: Das Landesprogramm fordert Schutz und Entkriminalisierung. Ein Sexkaufverbot wird nicht gefordert.
- CDU: Das Landesprogramm verlangt ein Verbot der Straßenprostitution, formuliert aber kein allgemeines Sexkaufverbot.
- AfD, BSW, Die Linke: Im aktuellen Berliner Landesprogramm keine verifizierbare konkrete Aussage zum Nordischen Modell.
Der präzisere politische Gegensatz lautet damit nicht einfach „für oder gegen Sexarbeit“, sondern: CDU setzt beim sichtbaren Straßenstrich auf Verbot und Ausstieg, Bündnis 90 Die Grünen auf Schutz, Rechte und sichere Arbeitsbedingungen. Bei SPD, FDP und Die Linke ergibt sich aus weiteren Beschlüssen bzw. Positionen eher ein Schutz- und Unterstützungsansatz, ihre Berliner Wahlprogramme bleiben dazu jedoch erstaunlich unspezifisch.
Wir fragten uns natürlich auch, ob es Abweichungen der Leitlinien der einzelnen Parteien auf Bundesebene gibt.
Für den Bund ist als jüngste gemeinsame Vergleichsbasis das Bundestagswahlprogramm 2025 sinnvoll. Gesetzliche Änderungen am Prostituiertenschutzgesetz oder ein bundesweites Sexkaufverbot wären ohnehin vor allem Bundesgesetzgebung. Berlin entscheidet hingegen etwa über Beratung, Gesundheitsangebote, Genehmigungs- und Vollzugspraxis sowie den Umgang mit bestimmten Orten.
Die politischen Blöcke auf Bundesebene
Für ein Sexkaufverbot / Nordisches Modell
- CDU/CSU: klare, programmatisch abgesicherte Befürwortung. Strafbarkeit des Sexkaufs, keine Bestrafung der Sexarbeitenden, Ausstiegshilfen und ein Ende von Bordellstrukturen.
Gegen ein Sexkaufverbot / Schutzrechte statt Kriminalisierung
- Grüne: menschenrechtsbasierte Stärkung von Rechten, Gesundheit, Beratung und Ausstiegshilfen.
- FDP: ausdrückliche Ablehnung des Nordischen Modells; Anerkennung freiwilliger Sexarbeit bei scharfer Bekämpfung von Zwang, Armutsausbeutung und Menschenhandel.
- Die Linke: gegen Stigmatisierung und Kriminalisierung, für soziale Rechte und Selbstorganisation; allerdings läuft innerparteilich eine Grundsatzdebatte.
- AfD: gegen ein Sexkaufverbot und für Legalisierung freiwilliger Prostitution laut Fraktionsstellungnahme; dies steht allerdings nicht als ausgearbeitete Forderung im Bundeswahlprogramm.
Keine geschlossene bzw. keine ausreichend konkrete Bundeslinie
- SPD: Bundestagswahlprogramm bleibt beim Thema freiwillige Sexarbeit weitgehend offen. Innerparteilich existieren gegensätzliche Auffassungen.
- BSW: weder im Bundes- noch im Berliner Wahlprogramm eine greifbare Position zu Sexarbeit oder Sexkaufverbot.
Kurzfazit gegenüber Berlin
- CDU: Bundesebene ist wesentlich weitergehend, vom Berliner Straßenstrich-Verbot zum bundesweiten Modell der Freierbestrafung und Bordellverbote.
- FDP: Bund ist deutlich konkreter liberal-schutzorientiert; Berlin schweigt.
- SPD: Berlin ist durch Parteitagsbeschluss klarer gegen das Sexkaufverbot als die Bundespartei.
- Grüne: Bundes- und Berliner Linie passen gut zusammen. Berlin liefert die konkreteren Maßnahmen.
- AfD: Weder Bundes- noch Berlinprogramm formuliert aktuell eine eindeutige Regelung; die bekannte Fraktionsstellungnahme spricht gegen das Nordische Modell.
- Linke und BSW: Bei den Linken ist die Bundesebene inhaltlich konkreter, beim BSW fehlt auf beiden Ebenen eine belastbare Programmaussage.